Lehren aus der Geschichte ?

Sind wir auf dem besten Weg, den 3. Weltkrieg vom Zaun zu brechen ? Es gibt viele Anzeichen, die an geschichtliche Parallelen erinnern. Wir haben einen Artikel der libertären Zeitschrift REASON übersetzt, und sind stolz auf die Partnerschaft mit der in Amerika sehr respektierten REASON-Foundation. Der Autor des Beitrags ist Daniel W. Drezner, er ist Professor für Internationale Beziehungen an der Fletcher School of Law and Diplomacy an der Tufts Universität in Medford, Massachusetts.

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Reason Magazin, The Rhyme of History

Reason – Rhyme of History Sie wissen vielleicht nichts über den weniger wichtigen Handelskrieg auf dem Balkan, der letztes Jahr begann.
Aber Sie sollten das wissen, denn dieser Handelskrieg zeigt einen besorgniserregenden Sinneswandel auf, wie die nationalen Sicherheitserwägungen die Struktur der Globalisierung in einer angsteinflößend ähnlichen Weise beeinflussen, wie das schon einmal am Ende des 20. Jahrhunderts der Fall war. Die erste Änderung verhalf zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, falls Sie sich jetzt wundern, genau, ich beziehe  mich auf dieses Ereignis: Die aktuelle Erstarkung des Wirtschaftsprotektionismus könnten die Vorläufer des Dritten Weltkriegs sein.

Die Geschichte beginnt im Jahre 2008, als das kleine, süd-östlich in der EU gelegene Kosovo einseitig die Unabhängigkeit von Serbien erklärte, und das fast nach einem Jahrhundert lang währender Bindung an seinen großen Nachbarn. Dann folgte der Sezessionskrieg, der nur durch die Intervention der NATO beendet werden konnte. Die Serbische Regierung zog daraufhin die Anerkennung seiner abtrünnigen Provinz zurück, und übte Ende letzten Jahres erfolgreich Druck auf Interpol aus, um das Ziel einer Ablehung des Kosovos als Interpol-Mitglied, zu erreichen.

Als Antwort darauf entschied das Kosovo einen Zoll in Höhe von 10 % auf serbische Importe zu verhängen. Als die Auseinandersetzung eskalierte, wurden die Zölle auf 100 % erhöht, ungeachtet der Tatsache, dass Serbien der wichtigste Import-Handelspartner des Kosovos war. Sowohl die USA als auch die Europäische Union übten Druck auf den Kosovo aus, mit dem Ansinnen, seine Zölle fallenzulassen und eine Verminderung der Spannungen diplomatisch auszuhandeln. Trotzdem erweiterte die Kosovarische Regierung seine Zollbeschränkungen und fügte auch Bosnien-Herzegovina zu den bezollten Ländern hinzu, seit dem dieses Land die Anerkennung des Kosovos ebenfalls ablehnte.

Die Handlungsweise des Kosovo verstößt eindeutig gegen das Europäische Freihandelsabkommen, welches für alle drei Länder verbindlich ist. Entgegen diesem Argument und auch unbenommen der enormen Verluste durch die Zölle, Kosovo will nicht nachgeben, auf ein Beinahe-Kollaps in Handelssachen zusteuernd, obwohl beide Länder ein Teil Jugoslawiens waren. Aber selbst wenn dieser Streit beigelegt sein sollte, bleibt noch eine größere Aufgabe zu lösen: Die Kosovarische Regierung wollte explizit seine Handelsverbindungen zum früheren „Besatzer“ reduzieren. Bis dahin waren sie erfolgreich, die Importe aus Serbien fielen innerhalb eines Jahres um 99% .

Das sind die Auseinandersetzungen, bei denen die weltüberdrüssigen Beobachter der Internationalen Szene kennend die Schultern zucken und sinngemäß sagen: „das ist der Balkan“. Das wäre schon billig genug, wenn nicht doch ein Deja-Vu Moment den aufmerksamen Studenten der Wirtschaftsgeschichte inspirieren würde.

Im ersten Jahrzeht der 1900er-Jahre war es das erst unabhängig gewordene Serbien, das versuchte, seine wirtschaftlichen Abhängigkeiten zu Österreich-Ungarn abzubauen. Sodann steigerten die Serben die Importe aus Frankreich und vereinbarten eine Zollunion mit Bulgarien. Im Jahre 1906 antwortete Österreich-Ungarn mit krachenden Zöllen auf das Primärexportprodukt der Serben: Dem Schweinefleisch. Der „Schweinekrieg“ dauerte mindestes weitere fünf Jahre, in denen sich Serbien schmerzhaft von der wirtschaftlichen Abhängigkeit zu den Habsburgern entwöhnte. Das Handelsvolumen der Serben mit den Habsburgern verringerte sich von 90 % auf 30 % . Der „Schweinekrieg“ provozierte die Annexion Bosnien-Herzegovinas durch Österreich-Ungarn, wiederum ein Zug, der die Beziehungen zu Russland verschlimmerte,  der schliesslich in der Ermordung des Erzherzogs Franz-Ferdinand  durch einen Bosnischen Serben im Jahre 1914 mündete.

Der wirtschaftliche Niedergang der Balkanländer war nicht der Auslöser des Ersten Weltkriegs, es war der Funke, der schon viel früher begann sich zu verbreiten. Kann das mehr sein als eine historische Parallele ? Ich beginne zu zweifeln. Um es klar zu sagen, ich behaupte nicht, dass ein neuer Krieg nötig ist um alle anderen zu beenden.  Aber es ist wichtig zu verstehen, welche Rolle die wirtschaftlichen Interdependenzen spielten, damit der Konflikt überhaupt erst so groß werden konnte.

Bevor der Erste Weltkrieg begann, unternahmen große und kleine Mächte viele verschiedene Versuche, die Globalisierung im 19. Jahrhundert zu vereiteln. All diese Schritte machte es für die Protagonisten viel leichter einen Weltkrieg vom Zaune zu brechen. Stück für Stück fallen die Schutzkräfte der Wirtschaft weg , die einen militärischen Weg verhindern könnten. Und zu viele haben vergessen – oder sie haben es nie gewusst – , wie die Dinge ausgegangen sind damals, vor einem Jahrhundert.

Der kapitalistische Frieden

Das zentrale Dogma der Wirtschaftsliberalen ist der Ansatz, dass internationale, wirtschaftliche Vernetzung die Wahrscheinlichkeit von militärischen Auseinandersetzungen mindert. Während der „Demokratische Frieden“ hinlänglich bekannt ist, begann man etwa vor 30 Jahren eine Häufung der Forschungsergebnisse zu sehen, was dann als „kapitalistischer Friede“ oder „wirtschaftlicher Friede“ bekannt wurde. Befürworter dieser These bieten zahlreiche Erklärungsversuche dazu, dass kommerzielle Aktivität unter den Teilnehmern den Frieden fördert. Für manche ist es bewiesen, dass die Gewinnerzielungsabsichten der Freien Märkte den Willen mindert, sich territorial zu erweitern. Wiederum andere sehen es als erwiesen an, dass die Anwesenheit eines Landes auf globalen Kapitalmärkten die Staaten dazu zwingt, friedlich miteinander umzugehen, denn bei Zuwiederhandlungen werden grenzüberschreitend der Verlust von Geld und Investoren befürchtet. Eine dritte Gruppe sieht die hohe Interdependenz als Garant dafür, einen höhreren Ansporn zum Verhindern von Konflikten zu haben oder sie durch friedliche Maßnahmen beizulegen. Und schließlich gibts auch Wissenschaftler die sagen: „Wieso eines auswählen ?“, und argumentieren, dass alle Faktoren ineinander verschränkt sind. Manche der kapitalistischen Schule gehen so weit zu behaupten, dass die friedenserhaltende Macht der Märkte den „demokratischen Frieden“ erklärt.

Diese Meinungen kann man diskutieren, dennoch gibt es schrecklich viel Beweise, dass bald etwas passieren wird.

Keine Theorie der Internationalen Beziehungen ist perfekt, und die Achilles-Verse der Wirtschafts-Friedens-Theorien war lange Zeit der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die skizzierten Fakten sind uns allen bewusst: Die Wirtschaftliche Globalisierung war 1914 auf ihrem Höhepunkt, die Handelsbeziehungen waren in den vergangenen 50 Jahren innerhalb Europas stark gewachsen. Großbritannien und Deutschland waren sich gegenseitig die wichtigsten Handelspartner. Nach dem Krieg schrieb John Maynard Keynes nostalgisch:“ Die Einwohner von London konnten Sachen per Telefon bestellen, während Sie im Bett an ihrem Tee nippten, alle Produkte der ganzen Welt und soviel davon wie sie haben wollten, und konnten auch noch vetrauensvoll darauf warten bis diese Produkte schnell bis an die Türschwelle geliefert wurden.“ Norman Agnell schrieb im Jahre 1909 einen Bestseller, „Die große Illusion“, in dem er die Globalisierung als Garant erklärte, dass territoriale Expansion sich nicht lohnen würde. „Seitdem der Handel von einem natürlichen Reichtum abhängt, und von einer Bevölkerung die damit umgehen kann, seit dem ist es einem Invasor nicht mehr möglich diese, völlig zu zerstören, ausser wenn er bereit ist, das ganze Volk zu zerstören, was wiederum nicht praktikabel erscheint.“ Agnell fasst zusammen, dass Krieg für Profit keinem rational denkenden Menschen einleuchten würde. Das Ausbleiben eines größeren Kriegs in den vergangenen 60 Jahren schien seine Annahme zu bestätigen. Selbst als die Spannungen vor dem Weltkrieg zwischen den Mächten zunahm, glaubten immer noch viele Beobachter, dass die Politiker in Berlin, Paris und London ihre eigene wirtschaftliche Intaktheit wegen eines untergeordneten Disputs auf dem Balkan schon nicht gefährden würden. Wir wissen es nun bessser, wie die Geschichte ausgegangen ist. Skeptiker der „Kapitalistischen Friedens-Denkschule“  führen den Ausbruch des Ersten Weltkriegs als das stärkste empirische Gegenargument an. Selbst viele Befürworter der Wirtschaftlichen-Interdependenz-Theorie gestehen ein, dass dieser Punkt der Geschichte ihrer Annahmen entgegensteht. Agnells Aussagen wurden oft in einem Atemzug mit den Buchinhalten von Francis Fukuyama´s „Das Ende der Geschichte“ genannt, nämlich als optimistische Ideen, die durch die Realität zerschmettert wurden. Dazu schrieb die Geschichtswissenschaftlerin Margaret MacMillan nur ein paar Jahre zuvor: „Was Agnell und die anderen nicht gesehen haben, war die Kehrseite der Wirtschaftlichen Verwicklungen“, sie  führt aus, dass ökonomische Verbindungen eher Brüche erzeugen, als das Konflikte durch diese gelöst werden. Hat sie Recht ?

Die Globalisierung hat gewonnen – aber zu hoch.

Die Wahrheit ist ein wenig komplexer. Die zusammengefasste Geschichte von 1914 als Spitzenjahr der Vorkriegs-Globalisierung verdeckt manch tiefere Bewegungen. In der Tat haben sich alle „Großmacht“-Regierungen gegen den Grundsatz des Freien Handels seit Jahrzehnten aufgelehnt. In vielen Beispielen war die Globalisierung im 19. Jahrhundert Opfer ihres eigenen Erfolgs.  Die reduzierte Zölle und geringe Transportkosten überschwemmten den Markt mit billigem Weizen aus Russland und der USA. Die Umsätze der Landbesitzer zuhause  wurden ernsthaft gemindert und die darauf einsetzende Große Depression erzeugte Druck auf die Europäischen Regierungen ihre Märkte gegen die Billigimporte abzuschotten. Nicht überraschend betrieben die Erzeuger von Nahrung in  Großbritannien, Frankreich und Deutschland harte Lobbyarbeit für Handelsschranken gegen die Billigimporte. Auf dem Kontinent waren sie erfolgreich, setzten jedoch damit auch eine Reihe von Nachwirkungen in Gang.

1879 schmiedete der Deutsche Kanzler Otto von Bismarck seine „Eisen und Roggen“-Koalition und begann die Importzölle zu erhöhen.  Frankreich antwortete in ähnlicher Weise darauf im Jahre 1880.  Um das Jahr 1887 erreichten die deutschen Zölle auf Roggen eine Höhe von 47% und die französischen Zölle auf Weizen bewegten sich bei 22%. Viele Mittelmächte in Europa wie Italien, Spanien und Schweden antworteten wiederum mit Erhöhung der Belastungen. Wenn doch all diese Länder die Zölle erhöht haben, wieso wird die Vor-1914-Zeit dann als das Goldene Zeitalter der Globalisierung betrachtet ? Ein Grund ist, dass England in seiner Eigenschaft als größter Marktteilnehmer dem Protektionismus widerstehen konnte. Ein stärkerer Grund war sicherlich, dass der Technikwandel die Effekte der Tarifschraube in den Schatten gestellt hat. Im Jahre 1870 hatte England mehr Schienenkilometer als Latein-Amerika, Kanada, Australien, Russland, Südafrika und Indien zusammengerechnet. Um 1913 hatten diese Regionen mehr als 10-mal soviel Schienenkilometer vorzuweisen wie England. Die Ausbreitung des Schienenverkehrs und der Dampfschifffahrt bedeuteten, dass die Transportkosten schneller fielen als die Zölle erhöht werden konnten, dazu kam, dass Handelswege sich schneller ausbreiteten, obwohl die Länder markthemmende Barrieren einzogen. Trotz alledem verdoppelte sich die Welthandelsbilanz zwischen 1896 und 1913.
Obwohl die Globalisierung im Jahre 1914 immer noch stabil schien, machten sich die Restriktionen in Handel und Investment langsam bemerkbar, insbesondere in Ost-Europa. Österreich-Ungarn und Serbien wurden isoliert in ihrem Wirtschaftskrieg und ähnliche wirtschaftliche Konflikte vermehrten sich innerhalb des Kontinents. Die Habsburger hatten zwischen 1886 und 1893 einen Handelskrieg  mit den Rumänen am laufen. Frankreich und Italien stritten sich zwischen 1886 und 1895. Deutschland hatte eine Auseinandersetzung mit den Spaniern, ebenfalls in diesem Zeitraum, führte diesen auch noch mit Russsland für die nächsten paar Jahrzehnte fort.  In manchen Fällen konnte der Handelskrieg beigelegt werden und der Handel normalisierte sich. In anderen Fällen blieben dauerhafte und entkräftende Schäden. Die serbisch-österreichischen Handelsbeziehungen konnten sich vom „Schweine-Krieg“ nie erholen.  Andererseits konnten die deutschen Zölle auf Roggen aus Russland die Abhängigkeit vermindern, so dass 1912 trotz boomender Weltwirtschaftslage die russischen Exporte für Roggen bei 30 % der Exportmenge im Vergleich zum Jahr 1902 standen.

Das Resultat war eine Europäische Wirtschaft in der westlichen Hälfte, die noch stark interdependent war, und eine östliche Wirtschaftszone, die in Sicherheits-Blöcken segmentiert war. Anhänger der „Wirtschaftlichen-Friendensschule“ erklärten damit die Tatsache, das die Feindseligkeiten vor 1914 in West-Europa nicht militärisch gelöst wurden, während in Ost-Europa eine Anreihung kleinerer Konflikte vorherrschte, die dann schliesslich in der Ermordung des Erzherzogs Franz-Ferdinand mündete. Das erklärt auch, warum im Sommer 1914 der „Wirtschaftliche Frieden“ zusammenbrach. Als die Länder in Ost-Europa anfingen ihr Militär als Antwort auf den Mordanschalg für den Krieg zu mobililisieren, war Österreich-Ungarn nicht mehr besorgt darüber, ob sie nun die Handelsbeziehungen zu Serbien oder Russland abbrechen sollen, denn sie handelten mit beiden Mächten nur noch in geringem Umfang. Schliesslich hat Russland die Zölle auf deutsches Getreide erhöht, wenige Monate vor der Erschiessung Ferdinands.

Auch andere Mechanismen der Abhängigkeiten untereinander brachen in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg weg.  Waren indes im 19. Jahrhundert die meisten Handelsbeziehungen bilateral, so war der Goldstandard, ein monetäres Ausgleichssystem  zu dem alle Währungen konvertibel zu einem bestimmten Wechselkurs waren, eher ein multilaterales Intsrument, bei dem sich die meisten teilnehmenden Zentralbanken  in Zeiten finanzieller Unwägbarkeiten gegenseitig halfen. Zwischen 1889 und 1907 unterstützten sich die Zentralbanken in Deutschland, England, Frankreich und Russland gegenseitig um solvent zu bleiben. Trotz der aufkommenden geopolitischen Spannungen setzen die Zentralbanker der Länder ihre Kooperation fort.  Ihre Wirtschaften verliessen sich gegenseitig aufeinander. Diese Zusammenarbeit endete 1911 mit der Agadir-Krise. Diese trägt ihren Namen durch den marokkanischen Hafen, an den Deutschland Kriegsschiffe entsendet, um der französischen Vorherrschaft ein Ende zu bereiten. Aber just in der Zeit, in der Deutschland ausländische Konflikte schürt, muss es sich zuhause mit einem Finanzcrash auseinandersetzen.  Deutschlands Aktienmarkt gab an nur einem Tag um 30 % nach, und so fingen die Deutschen damit an, ihre Papierwährung in Gold einzutauschen.

Alleingelassen durch die anderen Zentralbanken, kam die Reichsbank  der misslichen Lage sehr nahe, den Goldwechselstandard auszusetzen.  Es bestand die Möglichkeit, dass Deutschland in Marokko einen Rückzieher macht, doch Kaiser Wilheim II. wies seine Zentralbanker an, sich auf die Finanzierung eines Weltkriegs vorzubereiten, und zwar so schnell wie es nur ginge. In den folgenden Jahren verdoppelte die Reichsbank ihre Einlagen in Gold, und begann auch Anleihen und Kredite ans Ausland einzuschränken.  Zu der Zeit als der Erste Weltkrieg begann, hatte Deutschland fast doppelt so hohe Goldeinlagen wie die Bank of England. Die Lehre, die man aus den Jahren vor 1914 ziehen kann, ist nicht, dass die wirtschaftliche Verbundenheit ein schwaches Zutun zum militärischen Konflikt hatte. Die Lehre lautet, dass selbst in globalisierten Wirtschaftskreisläufen Regierungen in Erwartung einer kriegerischen Auseinandersetzung versuchen die Bindungen zu  anderen Ländern zu reduzieren. Rückblickend kann man sagen, dass die 30 Jahre vor 1914, mit ihren Zoll-Auf-und-Abs, mit den Handelskriegen und Währungskonflikten die eigentlichen Vorboten der Zerstörung waren. Die Europäischen Regierungen wollten nicht auf Biegen und Brechen einen Krieg zwischen den Großmächten anzetteln. Aber durch den Rückzug und den Abbau der Wirtschaftsverbindungen haben sie den Weg dafür geebnet.

Wird die Globalisierung wieder an die Wand gefahren ?

Zeitsprung nach 2019:  Sehen wir eine Wiederholung in Zeitlupe dieses Zusammenbruchs ?  Lassen Sie uns mit den sichtbaren, historischen Parallelen beginnen. In beiden Fällen gab es in den letzten Jahrzehnten große Kriege. Wie an den Tagen von John Maynard Keynes, man kann verschiedene Produkte per Telefon bestellen und kann erwarten, diese schnell geliefert zu bekommen.  Falls es einen modernen Nachfolger von Norman Agnell gibt, dann ist es sicherlich Steven Pinker. Sein 2011 erschienenes Buch „Die besseren Helfer unserer Natur“ zeigt ein detailliertes Bild einer nachweisbaren, nachaltigen Abnahme an internationalen Kriegen.  Pinker hat viele Gründe genannt, aber die Wirtschaft war das wichtigste Argument. Seinem Buch kann man entnehmen, dass ihn viele seiner Kollegen zur Seite nahmen und auf die Zusammenhänge von Agnells Argumenten hinwiesen, Pinker entgegnete daraufhin: „Agnell verdient den letzten Lacher“. In den Jahren seitdem er sein Buch veröffentlichte, ging der Trend zu mehr Gewalt zurück. Der Global Peace Index aus dem Jahre 2018 schreibt, dass die Welt heute weniger friedlich sei, als sie in den letzten 10 Jahren war“.

In den Jahren vor 1914 haben sich die Nahrungspreise schockierend erhöht und die Große Depression fachte das Feuer des Protektionismus auf dem Europäischen Kontinent an. In der heutigen Zeit überfällt China import-sensitive Produktionsmärkte in den USA und trifft diese hart. Es ist kein Zufall, dass öffentliche Äusserungen aus den USA sich gegen den Freien Handeln wenden, seit China in die WTO aufgenommen wurde.  Das China in die Weltökonomie eintrat war ein Zugewinn, dieser hatte jedoch folgenschwere Verteilungseffekte nach sich gezogen. Da nutzt es auch nichts, dass China geschickt die Wirtschaftsliberalenkarte spielt.  Als der Chinesische Präsident Xi Jingping 2017 in Davos den Freien Handel anpries, machte es dem Zuhörer keine Mühe die Scheinheiligkeit seiner Rede herauszuhören.  Chinas Subventionen an ihre staatseigenen Betriebe, die Weigerung Geistiges Eigentum anzuerkennen und das Daraufbestehen, die eigene Währung  in der ersten Hälfte des Jahrzehnts unterbewertet zu lassen,  all das bestärkt die Skeptiker in Bezug auf deren liberales Handelssystem.

Wenn die Chinesen nicht die Regeln befolgen, fragen sich viele, wieso sollten wir es dann machen ?

Die Finanzkrise im Jahr 2008 förderte vorhersehbares Verlangen nach mehr Handelsprotektionismus im Westen. Viele große Marktteilnehmer konten dem Ruf  nach Protektionismus unmittelbar nach der Misere der Krise widerstehen,  doch der  sogenannte populistische Nationalismus öffnete die Türen für Politische Newcomer, die eifrig im Ausland den Sündenbock ausmachten. Zwischen 2012 und 2018 hat sich die Anzahl der nicht-tariflichen Marktbarrieren fast verdreifacht, so wie die Anti-Dumping-Maßnahmen der Obama-Administration, welche auf Stahl-Importe verhängt wurden. Solche Zahlen zeichnen noch nicht das Bild der Deglobalisierung, im Gegensatz zu Vorgängen wie der Brexit oder die Aufkündigung der Transatlantischen Partnerschaft (TPP). All diese Dinge kirstallisierten sich schon vor März 2018 heraus, als Donald Trump tweetete: „Handelskriege sind super, und leicht zu gewinnen“, und sich daran machte seine Überzeugungen in die Tat umzusetzen, sich auf eine wenig bekannte nationale Sicherheitsvorkehrung aus dem Jahre 1962 berufend, bei der übermäßig Zölle auf Stahl und Aluminium-Importe erhoben wurden.  Entgegen der Versicherungen offizieller Verlautbarungen der Trump-Regierung , dass Länder keine Vergeltungsschläge ausführen würden, kam die Antwort aus der Europäischen Union prompt: Die EU erhob Zölle als Vergeltungsmaßnahme auf US-Exporte, beispielsweise auf Bourbon und Textilien bis hin zu Harley-Davidson-Motorrädern. Andere Handelspartner wie Japan, Indien oder Mexico haben ihre eigenen Gegenmaßnahmen eingerichtet. Sodann zielte die Trump-Regierung auf China, erhob Zölle in Höhe von 250 Millarden US-Dollar auf chinesische Importe, verbunden mit der Drohung, die Zölle nochmals um 267 Millarden US-Dollar zu erhöhen, wenn nicht eine schnelle Einigung erzielt werden könne. China erwiderte die Maßnahmen und rief Zölle in Höhe von 60 Millarden auf US-Exporte auf, nebst einem 25%tigen Aufpreis auf US Sojabohnen und Autos.

Trumps Handelskriege kann man als Strohfeuer betrachten, dennoch ist China im Fokus der Regierung als Lieblingsfeind. Trumps offizielle Sprecher haben immer wieder bekundet, dass es ein politischer Fehler war, die Chinesen in den Welthandel einzubinden, weil diese keinen vollständig liberalisierten Wirtschaftsektor vorweisen können. Das ist der unverrückbare Glauben der US-Handelsrepräsentanten Robert Lighthizer und Peter Navarro, Direktor der Handelsboards im Weißen Haus. Fast jede Aussage der beiden, deuten auf das Vorurteil hin, dass die Sino-Amerikanischen Handelsbeziehungen ein Nullsummenspiel darstellten. Nur um ein Beispiel zu nennen: Einer der Vorkehrungen, die Lighthizer beim Neuverhandeln des NAFTA-Agreements implementierte, nun heisst es US-Mexico-Canada-Agreement (USMCA), dass es für jedes Mitglied schwieriger wird, eine Handelsvereinbarung mit einem Nicht-Mitglied zu vereinbaren, wie beispielsweise den Chinesen. Das zeichnet das Bild, wie Donald Trump vom Handel denkt.

Um nochmals die Zeit um 1914 heranzuziehen: In den Jahren vor 1914 haben die kombinierten Effekte des Protektionismus im Großen und Ganzen keine Wirkung auf die Wirtschaftliche Interdependenz gehabt. Der Globalisierungsindex des Schweizer Wirtschaftsinstituts zeigte, dass das Wachstum der Finanzinterdependenz und die grenzüberschreitenden Datenflüsse das Ausbremsen der Liberalisierung kompensiert hat. Ähnlich sieht es das McKinsey Global Institute, denn nach deren Einschätzung wirkt das rasante Wachstum von Service und Digitalen Gütern der handelsintensiven Produktionsbranche entgegen, vor allem in den vergangenen Jahren. Schliesslich sieht auch der DHL Global Connectedness Index im Februar 2019 ein Allzeithoch der Wirtschaftsverschränkungen der Länder.

Abgeblich hat die Trump-Regierung den Handelskrieg angefangen um die Handelsbilanz zu verbessern, genauer um die Exporte gegenüber den Importen zu stärken, allerdings bewegte sich darauf das US-Handelsdefizit auf einen Spitzenwert, der seit 2008 durch die Finanzkrise ausgelöst, nicht mehr erreicht wurde. Selbst die von Trump ausgehandelten Handelsvereinbarungen sehen einer ungewissen Zukunft entgegen, denn sie müssen vom Kongress verabschiedet werden. Das TPP wurde in Vollzug gesetzt, alsbald darauf hat die EU bilaterale Abkommen mit Japan und Canada unterzeichnet. Das heisst aber nicht, dass das Aufflammen der Handelsbeschränkungen keine Auswirkungen auf die globale Wirtschaft hätte. Wirtschaftler aus Princeton, von der Columbia-University und der New York Federal Reserve schätzen die Reibungsverluste des Handelskriegs auf über 7 Millarden US-Dollar alleine in Amerika und in den ersten 11 Monaten des Jahres 2018, und die monatlichen Kosten steigen noch während dieser Zeit. Eine Studie, die von der US-Industrie in Auftrag gegeben wurde, kommt zu dem Schluss, dass die Zölle 2019 jeden einzelnen amerikanischen Haushalt mit einer Durchschnittsbelastung von 2500 US-Dollar belegte, verursacht durch höhere Konsumentenpreise.

Schwerwiegender könnte sein, dass der Handelskrieg die globalen Versorgungs- und Handelsketten stören könnte, die tief im Handelssystem der beiden Ökonomien im Laufe der letzten 2 Jahrzehnte verankert wurden. Diesselben Wirtschaftler, die den 7-Millarden-Reibungsverlust annahmen, sagen auch, dass durch die Handelsstreitigkeiten Waren im Wert von 165 Millarden US-Dollar über die Handelsrouten umgeleitet wurden. Nach einer UBS-Umfrage unter 200 Exporteuren die in China produzieren, geben 37 % an, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern, weitere 33 % in Vorbereitung zu sein, dies 2019 durchzuführen. Chinesische Investitionen in Europa und Amerika nahmen um 73 % ab, alleine letztes Jahr. Der BDI (Baltic Dry Index) ist ein guter Indikator für grenzübergreifenden Schiffswarenverkehr, dieser fiel seit Mitte 2018 um 47 % .

Das Ergebnis, so schreibt es Greg Ip vom Wall Street Journal vor Kurzem, ist ein gegabeltes Weltwirtschaftssystem. Zwischen den Vereinigten Staaten und seiner Alliierten werden die Auswirkungen der Handelsfeindschaft überschaubar bleiben. Zwischen den Vereinigten Staaten und China jedoch werden die Brüche weitaus stärker ausfallen, weil: „Die Trump-Administration sieht, so Ip, die Witschaftsgesetzgebung und die Sicherheitsinteressen der USA als nur im Paket verhandelbar, wenn sie mit Beijing über dieses Thema streiten.

Und schliesslich ist noch eine weitere Schwächung durch den Angriff der Trump-Regierung auf die globale Wirtschaftsabläufe zu Tage getreten. Die Vereinigten Staaten haben Planungen bekannt gegeben, sich aus hochkarätigen Vereinbarungen, wie dem Pariser Klimaprotokoll oder weniger wichtigen Abmachungen, wie der Universal Postal Union (dt: Weltpostverein), auszutreten. Zwei weitere Schritte haben jedoch Feind und Freund vergrämt.

Der erste war, angeblich um die eigene Verhandlungsmacht im Handelszwist zu verstärken, die Ablehnung von Erennnungen der US-Berufungsrichter am WTO-Gerichtshof, entgegen aller Gepflogenheiten. Seit letztem Oktober fehlen diese Richter der Kammer, die allerings wichtig wären, um Handelsstreitigkeiten auf der wachsenden Prozessliste beizulegen. Weil die Rechtsstaatlichkeit eine zentrale Stütze der WTO darstellt, bedeutet eine geschwächte Richterkammer die Schwächung der ganzen Welthandelsorganisation.

Der zweite Schritt war, dass Donald Trump versuchte, die führende Rolle des US-Dollars in globalen Finanzmärkten zu instrumentalisieren, indem er die Finanzsanktionen aufdrehte, um anderen Regierungen damit zu drohen. Andere Präsidenten vor Trump haben auch von der finanzpolitischen Drohgebärde Gebrauch gemacht, jedoch hat diese Regierung mit ihrem einseitigen Vorgehen diese Art und Weise auf eine neue Ebene gehoben. Um ein Beispiel zu nennen, hat die Trump-Administration SWIFT erfolgreich unter Druck gesetzt, die Auflagen gegen den Iran zu erfüllen, seitdem der „Nukleardeal“ durch die USA aufgekündigt wurde. SWIFT realisiert den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr in einem eigenen Nachrichtensystem innerhalb des Bankenverbunds. Als Antwort darauf gründeten die EU, China und Russland INSTEX, ein alternatives Zahlungssystem um SWIFT zu umgehen. Auf kurze Sicht bedeutet das nichts. Auf lange Sicht ist es bezeichnend, dass EU-Regierungen auch nur daran denken können, sich ausserhalb den US-Märkten in Kapitalmärkte zu begeben.Der Dollar bewegt sich zur Zeit nicht, aber diese Art der Risikoabsicherung erinnert stark an die Vorgehensweise von Deutschland zu Zeiten der Agadir-Krise.

Die Lehren der Geschichte

Vor 5 Jahren, als die Jahrhundertfeierlichkeiten zum Großen Krieg begannen, verbreitete sich eine ganze Batterie von Warnenden, welche die Zyklik der Geschichte anmahnten.  Die Möglichkeit, den Ersten Weltkrieg nochmals auszufechten war sehr beliebt anzuführen. Die Vorhersagen, der Untergang sei nahe, haben sich nicht bewahrheitet. Der Erfolg von Peter Jacksons Buch „sie sollten nicht all zu alt werden“, eine erstaunliche Erste-Weltkriegs-Beschreibung, kann nichtsdestotrotz leicht in der Analogie zu 2019 zurückgewiesen werden. Die meisten dieser Einwürfe missinterpretierten oder missachteten die wirtschaftliche Dimension von dem was passierte, als im August zu den Waffen gegriffen wurde. Selbst wenn die globale Weltwirtschaft heute sehr vernetzt erscheint, haben in Wirklichkeit seit Jahrzehnten die Politischen Führer versucht diesen Markt zu segmentieren.

Um 1914 sorgten die protektionistischen Vorbereitungen und geopolitischen Spannungen dafür, dass die einzelnen Akteure sich nicht darüber bewusst waren, selbst bereits wirtschaftlich mit anderen zu verwickelt zu sein, um noch einen Angriffskrieg zu beginnen.
Analogien sind unvollkommene Vorstellungen den Lauf der Dinge zu verstehen. In vielerlei Hinsicht ähnelt das frühe 21. Jahrhundert nicht dem frühen 20. Jahrhundert. Andere Hinweise deuten auf einen mächtigen Krieg hin, beispielsweise die nukleare Abschreckungspolitik. Dem Pew Research Center nach, gibt es einen breiten Konsens über die mit der Globalisierung verbundener Vor- und Nachteile, auch trotz des Aufkommens lautstarker Gegenstimmen. Trump könnte von den volatilen Aktienmärkten so geschockt sein , dass er im Handelkrieg nachgeben wird. Pinker hat es richtig beobachtet, dass der Heldenmut zum Kriege zur Zeit wenig geschätzt wird. Wenn nichts anderes hilft, dann müssen sich die Staatslenker nochmals die Lehren von 1914 als Beispiel nehmen. Ein neuer Weltkrieg ist nicht unabwendbar.

Und trotzdem wird immer wieder die vorrausgehende Globalisierung als Grund für einen neuen Weltkrieg genannt, sogar in der heutigen Zeit. Wahrlich kann man die Zusammenhänge auch viel beängstigender wahrnehmen, als in der vorrausgehenden Zeitspanne des Jahres 1914.Damals war der Anführer der Welt das Vereinigte Königreich, welches als schwacher wirtschaftlicher Akteur handelte. Heute, im Jahre 2019, ist Amerika der hochgerüstete Weltführer, protektionistisch unterwegs und tritt dabei noch auf das „Gaspedal“.

Die Zwänge der ökonomischen Bindungen zwischen China und Amerika, oder wie es der Wirtschaftswissenschaftler Larry Summers einst nannte: „das finanzielle Gleichgewicht des Terrors“, scheinen heute nicht mehr so verbindlich zu sein. Und es gibt weitaus mehr Krisenherde – die Koreanische Halbinsel, das Süd-Chinesische Meer, Taiwan – überall dort sind die sprichwörtlichen Streichhölzer beängstigend trocken um leicht den Funken zu entzünden, der den Brand entfachen kann.

Nach dem Ersten Weltkrieg schrieb Keynes, dass die allgemeine Meinung die wäre, dass der Frieden gesichert sei. „Die Arbeit und das Verhalten der Militaristen und der Imperialisten, voll von rassischen und kulturellen Rivalitäten, Monopolen, Einschränkungen und Abweisung bestimmter Gruppen waren die Schlange im Paradies von der gekostet wurde. Diese Entwicklung stellte mehr dar, als sie wahrgenommen wurde, von den durchschnittlichen Zeitungslesern beispielsweise. Es schien, dass die Vergiftung fast keinen Einfluss auf den täglichen Gang des sozialen und wirtschaftlichen Lebens nahm, die Internationalisierung wurde ohne nennenswerte Einschränkungen weitergeführt“.

Fünf Jahre später waren 15 Millionen Tote zu beklagen, weitere 23 Millionen verwundete Menschen kamen hinzu, ein Vierteljahrhundert verbrachten wir in einer Hyperinflation, dann wirtschaftliche Depression und schliesslich kam auch noch der Faschismus angeschwemmt. Ganz am Ende zog der kommende Zweite Weltkrieg dunkle Schatten über die Welt.

Staatslenker und Einflussreiche tun gut daran, aus der Geschichte zu lernen, allerdings nur wenn Sie dem aufkommenden Populismus und den Rufen nach Abschottung widerstehen können. Es wäre sehr beruhigend, wenn die heutigen Politiker mehr über die Parallelen zwischen jetzt und der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wüssten. Oder die stotternden Wirtschaftsverbindungen werden weiter geschwächt, und der sogenannte Frieden durch Wirtschaftsverschränkung, an den wir uns schon in hohem Maße gewöhnt haben, wird nicht überleben.

Dieser Text wurde der Mai-Ausgabe des Reason-Magazins entnommen, und in die deutsche Sprache übersetzt. Wenn Sie Fragen an den Autor haben, so melden Sie sich bei uns, wir vermitteln den Kontakt.

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Ausgabe Mai 2019, USA